Der Prozess, wodurch der Mensch mittels Sinneswahrnehmungen mit der Umgebung interagiert, wird in der Gegenwart digitaler Sensortechnologien neu verhandelt. Wo vormals Haut, Auge und Ohr als zentrale Schnittstellen zwischen Körper und Welt galten, treten heute immer mehr technische Sensoren hinzu, die zusätzlich zum Haptischen und Visuellen, humanes Riechen und Schmecken nicht nur zu imitieren suchen, sondern das Riechen und Schmecken in digitale Prozesse, d.h. in mathematisierbare diskrete Operationen, übersetzen sollen. Damit rückt eine bislang randständige Dimension der Medientheorie in den Fokus: Die Verflechtung der ‹niederen› Sinne mit maschinellen Wahrnehmungsapparaten, d.h. Sensoren.
Diese Entwicklung stellt nicht allein eine Erweiterung des Interface-Begriffs dar, sondern berührt auch grundlegende anthropologische und epistemologische Fragen – etwa nach der Grenze zwischen humaner und nonhumaner Agency oder nach den (technischen) Bedingungen von Wahrnehmung selbst. Humane und nonhumane Operationen greifen in dieser sensorischen Situation vermeintlich fluide ineinander. Die Relationen der Human-Computer-Interaction (HCI) werden in der Frage nach den ‹Sinnen› und dem Sinn von Sensoren neu ausgehandelt.
Das damit aufgerufene Sensing der Sensoren ist Teil einer medientechnischen Konfiguration von Wahrnehmung: Sensoren agieren nicht nur als Teil eines Medienensembles, sondern erweitern zunehmend die Konstitution dessen, was als wahrnehmbar gelten kann. Diese Kopplung von menschlichen Sinnen und technischen Infrastrukturen verschiebt die Human-Computer-Interaction und transformiert das Interface von einer vermeintlichen Kontaktfläche zu einer sensorischen Infrastruktur, in der Datenströme, Materialität, Körper und Software relationale Gefüge bilden. Sensing steht somit paradigmatisch für eine Neuverhandlung der Schnittstellen zwischen Mensch, Technik und Umgebung, in der sich nicht nur der Interface-Begriff erweitert, sondern auch die Bedingungen und Grenzen des Wahrnehmens in einer zunehmend sensortechnisch durchwirkten Welt neu bestimmt werden.
Der geplante Workshop „Sensing, Sensorik und Sensoren. Medienästhetische Fragestellungen sensorischer Medialität und dem Sensing der Nahsinne“ untersucht die Verflechtungen von Wahrnehmung, Medientechnologie und Ästhetik im Kontext sensorischer Kulturen.
Im Fokus stehen theoretische und methodologische Zugänge zu Prozessen des Sensing als epistemische und ästhetische Praktiken, die zwischen menschlicher Sinneswahrnehmung, Umgebungen und technischer Sensorik vermitteln. Dabei werden medienästhetische, kulturtechnische und materialtheoretische Perspektiven auf sensorische Medialität diskutiert, um die Rolle der Nahsinne – insbesondere Geruch und Geschmack – in gegenwärtigen medialen Dispositiven neu zu bestimmen.
Ziel des Workshops ist es, eine interdisziplinäre Diskussion über die aktuelle Relevanz des Sensorischen zu eröffnen und die theoretische Anschlussfähigkeit des Begriffs „Sensing“ sowohl im Hinblick auf die Digitalisierung, beispielsweise des Kulinarischen, als auch im Hinblick auf eine zu entwickelnde Medialität der Nahsinne auszuloten.